MZ-Artikel vom 19.09.2019

Ehren ja, aber nicht so…

Als Untertitel hätte man zu “Ehren ja, aber” noch ergänzen können: Ist die Gemeinde Osternienburger Land nur ein Zweckbündnis oder ist sie es nicht?

Da ist es wieder, dieses Gefühl, versagt zu haben – in Ausübung meines Ehrenamtes. Die Spatzen hatten es schon von den Dächern gepfiffen, dass es im Sozialausschuss zur Ablehnung kommt.

Bemerkenswert ist dabei nicht die Tatsache, dass man nun an einer viel besseren Lösung arbeitet. Das wird in Gremien oft geäußert. Nein, bemerkenswert ist, dass alle Fraktionen im Gemeinderat schon einige Monate Zeit hatten, einen eigenen Entwurf zum Ehren von außergewöhnlichen Leistungen zu erarbeiten. Sie hätten diesen sogar noch in die (unfreiwillig verlängerte) Wahlperiode des “alten” Gemeinderates einbringen können. Aber das Ehren von Personen ist offenbar nicht wichtig genug.

Was bleibt von dieser Wahlperiode im Gedächtnis?

Gab es regelmäßige Debatten im Gemeinderat, wie man unsere 14 Ortschaften näher zusammen bringt? Wurde in den letzten Jahren etwas Verbindendes für alle Einwohner*innen vom Gemeinderat verabschiedet? Gab es Beratungen zum Thema “Ehren von Personen”? Ich kann mich daran nicht erinnern.

Seit 10 Jahren nennen wir uns „Gemeinde Osternienburger Land“. In Wirklichkeit sind wir 14 Ortschaften geblieben, die wie zu Zeiten der Verwaltungsgemeinschaft von Osternienburg aus „regiert“ wird, jedoch unter Eindampfung aller damit verbundenen Rechte für die Ortschaften. Das mickrige Häufchen an substanzieller Mitbestimmung, was übrig blieb, nennt sich Entscheidung über die Kulturförderung. Es blieb nur deshalb Aufgabe der Ortschaftsräte, weil dies in den Gebietsänderungsverträgen überall vereinbart wurde. Nun, es muss per se nicht schlecht geredet werden, als Ortschaftsrat fast keine Verantwortung zu haben. Immerhin erspart es den Ortschaftsräten Einiges an Arbeit.

Wenn ich mich unter Ortsbürgermeister-KollegINNen umhöre,

gibt es die eine Gruppe, welche mit der aktuellen Situation durchaus sehr zufrieden ist. Aber dann gibt es eine in meinen Augen viel größere Gruppe, welche es leid ist, nur für die Entscheidung über die Kulturförderung zuständig zu sein. Mehr als 2,50 EUR pro Einwohner sind seit 10 Jahren „nicht drin“, da es sich schließlich um eine freiwillige Aufgabe handelt.

Wo soll denn mehr Geld herkommen, werde ich gern mal gefragt. Die Antwort klingt einfach: Ich erhöhe weder die Steuern noch die Beiträge für Kitas, sondern ich schaue mir an, welche freiwilligen Ausgaben die Gemeinde hat, und dann wäge ich ab, was der Mehrheit zu Gute kommen würde.

Als ich das erste Mal zum Ortsbürgermeister gewählt wurde, hatte ich bereits die Idee, die Bibliothek der Gemeinde Osternienburger Land ganz den Ehrenamt zu übertragen und das eingesparte Geld zu verteilen. Wegen unüberbrückbarer Differenzen landete die Idee aber zunächst in der Schreibtischschublade. Nun ist es unter geänderten Bedingungen vielleicht möglich, die Debatte um die Einsparung der Bibliothek mit einer hauptamtlichen Kraft und im Gegenzug um die Ausgabe des eingesparten Geldes an die Ortschaften wieder anzustoßen, in modifizierter Form.

Im Gegensatz zu meiner bisherigen Haltung,

die Gemeinde als Ganzes näher in das Bewusstsein von allen bringen zu wollen, und Stück für Stück einen „regionalen“ Gedanken zu verfolgen, liegt vielleicht genau in der Eigenständigkeit und Eigenart jeder Ortschaft innerhalb des offenkundigen Zweckbündnisses der Schlüssel.

Die über 8.000 Einwohner unserer Gemeinde wohnen nicht in einem Ballungszentrum, sondern in den 14 Ortschaften, welche allesamt dörflichen Charakter haben. Jedes Dorf präsentiert sich mehr oder minder selbstbewusst innerhalb der Gemeinschaft. Es geht nicht darum, den Fokus auf die großen Ortschaften wie Osternienburg, Wulfen oder Kleinpaschleben zu legen. Nein, jedes Dorf hat es verdient, dass seine eigene Geschichte erzählt, seine eigenen Traditionen aktiv zelebriert und alte Gewohnheiten erhalten werden.

Wenn wir aus den politischen Konstellationen etwas lernen sollten, dann, dass wir die Menschen in unseren Dörfern – also auf der kleinsten Kommunalebene – niemals vergessen dürfen!

Dort, wo der letzte Einkaufsladen zugemacht hat, wo es weder Arzt noch gute Verbindungen zu den Zentren wie Aken (Elbe) und Köthen (Anhalt) gibt, wird es immer wichtiger, das kulturelle Leben als letzte verbliebene Möglichkeit zu gemeinschaftlichen Austausch und Sinnstiftung in einer immer älter werdenden Ortschaft zu erhalten.

Doch ohne Geld scheitern die besten Ideen.

Stärken wir jedes unserer Dörfer in seinem Bestreben nach Existenz und Selbstverwirklichung, wenn wir alles so lassen, wie es die letzten 10 Jahre war? Ich bin der Meinung, dass dies nicht der richtige Weg ist. Die 2,50 EUR, die der Ortschaftsrat pro Jahr und Einwohner ausgeben darf, reichen bei weitem nicht mehr aus, um die gesamtgesellschaftlich immer weiter steigenden Kosten, gerade für kulturelle Angebote in unseren Ortschaften, aufzufangen.

Ein Beispiel: Die engagierten Damen unserer Volkssolidaritäts-Ortsgruppe veranstalten in Wulfen einmal monatlich einen Nachmittag mit einem kulturellen Rahmenprogramm, welcher jedem Einwohner offen steht. Selbst wenn man, wie es in Wulfen oft der Fall ist, auf ehrenamtlich Tätige anderer Organisationen zurückgreift: Für den Aufwand von Akteuren, für Verpflegung und Kultur muss Geld eingeplant werden. Der Beitrag darf nicht zu hoch ausfallen, sonst bleiben die Senioren mit kleiner Rente – verständlicherweise – zuhause. Zudem muss es interessant sein. Auch wenn das Team rund um Frau Beck den Spagat zwischen Sparen und Programm jedes Mal aufs Neue gemeistert hat: Es stellt sich auch unter den Besuchern immer öfter die Frage, wie weitere Treffen sinnstiftend realisiert werden können. Und wo das Geld für das Ehren in den Ortschaften herkommen soll.

Merklein, OrtsBM

Quelle des Bildes: Mitteldeutsche Zeitung vom 19.09.2019

Wulfener Ortsbürgermeister seit dem 01.07.2015

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