Öffnungsdiskussionsorgien

Das Wort Öffnungsdiskussionsorgien war seit letzter Woche medial in aller Munde. Das überrascht mich nicht wirklich. Die Angst vor einem Virus, das unsichtbar und hochinfektiös ist, lässt uns Bürger an einen Punkt kommen, an dem wir uns von der Regierung Sicherheit erhoffen. Die Kanzlerin weiß das, und so ist es nur nachvollziehbar, dass es der Begriff Öffnungsdiskussionsorgien aus vertraulichen Gesprächen an die Öffentlichkeit geschafft hat. Aus Versehen geschah das bestimmt nicht. Die Freiheitsrechte spielen in Krisensituationen wie dieser eine nachrangigere Rolle. Das zeigen auch die Umfragewerte von Regierungsparteien.

Wer in einen Shutdown einsteigt, der zu Anfang in meinen Augen vertretbar und verhältnismäßig war, der muss immer auch parallel an Schritte zum Ausstieg denken. Da ist bis heute zu wenig passiert. Wir brauchen keine Öffnungsdiskussionsorgien, aber eine lebhafte Diskussion über die Rückkehr der Freiheit und schnellstens einen konkreten Exit-Plan.

Viele Bürger, auch in Wulfen, sind bereit, sich auf Schutzmaßnahmen einzulassen. Gerade ich handele gern vernünftig und verantwortungsbewusst. Wenn es unbedingt sein muss, finden dieses Jahr keine größeren Veranstaltungen mehr bei uns in Wulfen statt. Die Regierung bzw. die Politik muss aber, will sie glaubwürdig sein, ihre Entscheidungen auf Fakten stützen, die für jedermann zugänglich und nachvollziehbar sind. Das gilt in besonderem Maße, wenn es an den Wesenskern dessen geht, was unsere freiheitliche Grundordnung ausmacht. Das sind die Grundrechte und in meinen Augen auch unser Selbstverständnis zum demokratischen Staat.

All das kann nicht auf einem Silbertablett einem Virus angedient werden, der anscheinend nicht nur Infektionen in der Lunge, sondern auch in Köpfen und Herzen der Menschen auslöst, und die Angst regieren lässt. Die ehemalige Bundesjustizministerin hat ein gutes Buch dazu herausgegeben. Auch wenn inhaltlich anderes im Vordergrund steht, der Titel passt: „Angst essen Freiheit auf“. Im Kern geht es doch um die Frage: Wie viel ist uns unsere Freiheit wert?

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Folgendes gilt: Hauptsache arbeiten und konsumieren. Ich mag meinen Beruf, und an den allermeisten Tagen mache ich ihn sehr gerne. Ja, am Ende des Tages dient er dazu, mein Leben und das meiner Familie zu finanzieren. Aber ein Leben habe ich – und viele andere in Wulfen – im Moment nur sehr eingeschränkt bis gar nicht.

Selbstverantwortung wurde genommen

Ich darf niemand sehen. Ich darf nicht zu feierlichen Anlässen von Familienangehörigen in weit entfernte Gegenden fahren, darf nicht mit Freunden ins Kino, mit der Familie zum Geburtstag ins Restaurant, nicht zu Trauerfeiern von (lediglich) Bekannten, nicht mit den Kindern ins Schwimmbad, etc. Kurzum, ich darf nicht reisen. Dabei will ich gar nicht ins Ausland!

Es ist ja nachvollziehbar, dass nicht alles auf einmal zurück kommt. Aber der allerwichtigste Bereich, nämlich die Beziehungen zu anderen Menschen, wird an das absolute Ende der Liste gesetzt und ununterbrochen weiter nach hinten verschoben. Und das ist absolut nicht einzusehen.

Denn wenn ich arbeiten und einkaufen gehen kann, warum darf ich dann keine Freunde und Familienangehörige sehen? Darauf hat mir noch niemand eine überzeugende Antwort geben können. Was soll daran falsch sein, wenn sich Menschen, die sich gut kennen, fünf Wochen nach dem Lockdown/Shutdown einvernehmlich im privaten Rahmen treffen? Wer nach fast sechs Wochen Isolation immer noch allein bleiben möchte, bleibt allein. Bitte schön…

Je weiter die Zeit voran schreitet, desto mehr wird die Isolation, insbesondere von Familienangehörigen und Freunden jeden Alters, zu einem großen, gesellschaftlichen Problem. Um das zu erkennen, muss man weder Wissenschaftler noch Politiker sein.

Die jetzigen Regelungen nehmen uns Bürgern jede Selbstverantwortung und jede Möglichkeit selbst zu differenzieren. Das Ansteckungsrisiko ist nicht überall gleich, das persönliche Risiko ist nicht für jeden gleich. Ältere und Immunschwache gehören zu den Risikogruppen. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene haben offenbar ein extrem niedriges Infektionsrisiko. Und trotzdem entscheidet man, wie das Privatleben von Millionen Menschen auszusehen hat. Wie ich hörte, ggf. bis 2022?

ein Ritt auf Messers Schneide

Bitte, liebe Politiker und Regierungsvertreter, differenziert endlich! Es bedarf demokratischer Debatten. Hört euch die „Kritiker“ an, zu denen zahlreiche renommierte Ärzte und Wissenschaftler gehören. Verzichtet bitte künftig auf Wörter wie Öffnungsdiskussionsorgien. Je länger ihr damit wartet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass entweder die Gerichte Schutzmaßnahmen wegen Unverhältnismäßigkeit kippen oder die Bürger bei ansteigender Unzufriedenheit nicht mehr vernünftig handeln.

Bleiben Sie gesund! MfG Merklein



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